Einer der ersten Ausflüge, die meine Freundin und ich in Japan unternommen haben, führte uns für einen Tag in den Nara-Park. Der Ort ist weltweit bekannt für seine freundlichen und manchmal ziemlich aufdringlichen Hirsche, die wunderschön erhaltenen Tempel und die herzhafte lokale Küche. Da Nara mit dem Zug nur etwa 40 Minuten von Osaka entfernt ist, war die Planung ganz einfach. Wir machten uns früh am Morgen auf den Weg, holten uns am Bahnhof einen Kaffee und spazierten schon durch den Park, bevor die Menschenmassen eintrafen. Allein die unkomplizierte Anreise macht Nara zu einem lohnenden Abstecher auf jeder Kansai-Reise – besonders, wenn du in Osaka übernachtest und Natur, Kultur und ein kleines Abenteuer verbinden möchtest.
Kaum hatten wir den Park betreten, kamen die Hirsche selbstbewusst auf uns zu. Sie wissen ganz genau, was Besucher dabeihaben: Snacks. Es war unvergesslich, meine Freundin bei ihrer ersten Begegnung mit ihnen zu beobachten. Wie viele Besucher versuchte sie, sich höflich zu verbeugen. Ein Hirsch reagierte darauf, indem er ihr etwas allzu begeistert folgte, bis sie halb lachend, halb rennend davonlief. Damit war die Stimmung für den Rest des Tages gesetzt. Wir schlenderten zwischen hoch aufragenden Zedern umher, fütterten ein paar ruhigere Hirsche und liessen uns Zeit, die Tempel zu erkunden, die dem Park seine historische Atmosphäre verleihen.
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Am Nachmittag probierten wir lokale Gerichte, darunter frisch gegrilltes Mochi und warme Soba-Nudeln – einfache Speisen, die nach stundenlangem Laufen gleich noch besser schmecken. Ungefähr da merkte ich, dass sich eine Zahninfektion anbahnte. Aus einem dumpfen Schmerz wurde ein anhaltendes Pochen. Doch ich wollte mir den Ausflug nicht verderben lassen, also machten wir weiter und genossen die verbleibende Zeit so gut es ging. Trotz der Schmerzen hatte sich das Erlebnis gelohnt und wurde zu einer dieser Geschichten, über die wir noch heute lachen.
Doch bevor die Schmerzen einsetzten, hatte uns der Tag bereits alles beschert, was wir uns erhofft hatten.
Der zauberhafte Nara-Park

Kaum waren wir im Nara-Park angekommen, waren wir von Hunderten frei umherlaufenden Hirschen umgeben. Im Shintō gelten diese Tiere als heilige Boten der Götter, und ihre Präsenz ist tief in der Kultur der Stadt verwurzelt. Besonders amüsant ist es, ihnen beim Verbeugen zuzusehen. Sie verbeugen sich tatsächlich. Im Lauf der Jahre haben die Hirsche gelernt, dass sie eher mit den berühmten Hirschkeksen belohnt werden, wenn sie den Kopf senken. Die Kekse heissen auf Japanisch shika senbei und werden überall im Park verkauft.
Zuerst fanden wir das bezaubernd. Meine Freundin öffnete eine Packung shika senbei, und innerhalb von Sekunden war sie von Hirschen umringt, die sich im perfekten Takt verbeugten. Der Charme hielt an, bis ein ungeduldiger Hirsch offenbar fand, dass es nun an der Zeit sei, und sie plötzlich quer über den Weg jagte. Sie rannte davon, während ich dastand und viel zu laut lachte – überzeugt davon, gerade Comedy vom Feinsten zu erleben. Bei dieser Einschätzung ist sie vielleicht bis heute anderer Meinung.
Obwohl die Hirsche von Nara geschützt und mit Ehrfurcht behandelt werden, ist die Rolle der Hirsche in der japanischen Kultur komplexer, als es zunächst scheint. In vielen Regionen Japans gilt Wildfleisch als Delikatesse. Das ist übrigens keine Besonderheit Japans. Auch Orte wie die Schweiz und Ungarn teilen diese kulinarische Tradition. In Budapest habe ich zum Beispiel einmal ein Wellington mit Hirschfleisch probiert, das zu den unvergesslichsten Gerichten dieser Reise wurde. Dieser Gegensatz ist faszinierend. In Nara sind Hirsche heilig und unantastbar. In anderen Teilen der Welt und sogar in anderen Regionen Japans gehören sie zur lokalen Küche.
In Japan wird auch immer wieder über die traditionelle Zeremonie zum Kürzen der Hirschgeweihe (shika no tsunokiri) diskutiert. Bei diesem Herbstanlass in Nara werden den Hirschen aus Sicherheitsgründen die Geweihe gekürzt. Befürworter sehen darin ein jahrhundertealtes Kulturerbe, während Tierschutzorganisationen finden, dass die Zeremonie nur schwer mit modernen Vorstellungen vom Tierwohl und der Zuneigung vieler Menschen zu den Hirschen von Nara vereinbar ist. Das zeigt, wie sich Traditionen verändern und wie unterschiedlich die Sicht auf Tiere sein kann – sogar innerhalb desselben Landes.
Die Pracht des Tōdai-ji-Tempels

Nach unserer urkomischen Begegnung mit den Hirschen machten wir uns auf den Weg zum Tōdai-ji, einem der berühmtesten Tempel Japans und einem wichtigen Teil von Naras UNESCO-Welterbestätte. Die Anlage ist riesig, und schon der Weg zum Daibutsuden, der Halle des Grossen Buddha, ist beeindruckend. Doch drinnen zu stehen, ist noch einmal etwas ganz anderes. In der Halle steht der Grosse Buddha, eine 15 Meter hohe Bronzestatue, die eine ruhige, fast überwältigende Präsenz ausstrahlt. Sie gehört zu den grössten Buddha-Statuen aus Bronze weltweit. Erst wenn man sie mit eigenen Augen sieht, bekommt man ein Gefühl für ihre Dimensionen – viel besser, als es jedes Foto vermitteln könnte.
Auch die Halle selbst ist eindrücklich. Ihre massiven Holzbalken und das warme, gedämpfte Licht im Innern schaffen eine ruhige Atmosphäre, in der man ganz von selbst langsamer wird. Wir verbrachten einige Minuten damit, die Details der Statue, die Wächterfiguren an beiden Seiten und das über Jahrhunderte bewahrte Kunsthandwerk auf uns wirken zu lassen. Der Tōdai-ji wurde im Lauf seiner Geschichte mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Auch heute können Besucherinnen und Besucher für die laufenden Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten spenden. Die Hinweisschilder machen deutlich, dass ein Bauwerk dieser Grösse ständige Pflege braucht. Mit einer Spende hilft man, den Tempel für künftige Generationen zu erhalten.
Eines der eindrücklichsten Dinge im Innern ist der berühmte Holzpfeiler mit einem kleinen Loch nahe seinem Fuss. Das Loch soll gleich gross sein wie das Nasenloch des Grossen Buddha. Der Überlieferung nach bringt es Glück, wenn man hindurchkriecht. Es ist überraschend unterhaltsam, Menschen jeden Alters dabei zuzusehen. Einige rutschten mühelos hindurch, während andere auf halbem Weg stecken blieben und sich mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Verlegenheit wieder herauswinden mussten. Keiner von uns fühlte sich an diesem Tag mutig genug, es selbst zu versuchen. Das ganze Schauspiel brachte jedoch einen heiteren, unbeschwerten Moment in eine ansonsten zutiefst spirituelle Umgebung.
Die besten Rindfleisch-Reisboxen überhaupt

In Nara dreht sich nicht alles nur um Tempel und Hirsche – auch das Essen ist fantastisch. Ein Höhepunkt unserer Reise waren die Reisboxen mit Rindfleisch. Das Fleisch war unglaublich zart und perfekt gewürzt, dazu gab es lockeren japanischen Reis. Jeder Bissen war eine Umami-Explosion. Ich träume immer noch von diesen Reisboxen und schwöre: Wenn ich nach Nara zurückkehre, gehört das zu den ersten Dingen, die ich esse!
Sushi in Kaki-Blättern


Eine weitere lokale Spezialität, die mich restlos begeistert hat, war Sushi in Kaki-Blättern, das hier kakinoha zushi genannt wird. Dieses regionale Gericht gehört seit Generationen zur Esskultur Naras. Die Kaki-Blätter dienen nicht nur der Dekoration. Dank ihrer antimikrobiellen Eigenschaften wirken sie als natürliches Konservierungsmittel. So blieb das Sushi frisch, bevor es moderne Kühlschränke gab. Als ich das erfuhr, schätzte ich erst recht, wie praktisch und einfallsreich die traditionelle japanische Küche sein kann.
Jedes Stück wird gepresst, sorgfältig eingewickelt und nimmt ein wenig vom Aroma des Blatts auf. Der Geschmack ist dezent, aber spürbar: Eine leichte Kräuternote ergänzt den Fisch, ohne ihn zu überdecken. Ich probierte mehrere Varianten, und jede hatte denselben klaren, frischen Geschmack, der dieses Gericht von den bekannteren Sushi-Arten abhob. Es wurde zu einem meiner unerwarteten Favoriten der ganzen Reise. Wenn du einen Teil von Naras kulinarischem Erbe kennenlernen möchtest, den viele Besucher übersehen, kann ich dir nur empfehlen, es zu probieren.
Das unglückliche Zahnweh
So sehr mir unsere Reise gefallen hat, für mich endete sie nicht gerade erfreulich. Gegen Ende bekam ich eine schmerzhafte Entzündung an einer Zahnwurzel. Das Pochen setzte schnell ein und machte es mir fast unmöglich, unsere letzten Mahlzeiten in Nara zu geniessen. Als wir wieder in Osaka waren, wusste ich, dass ich so bald wie möglich zum Zahnarzt musste.
Überrascht und erleichtert hat mich, wie erschwinglich Zahnbehandlungen in Japan sind. Als ich endlich eine Praxis aufsuchte, war die Behandlung effizient und professionell – und viel günstiger, als ich erwartet hatte. Besonders dankbar war ich dafür, dass die japanische nationale Krankenversicherung Zahnbehandlungen abdeckt. In der Schweiz gehören sie nicht zur Grundversicherung und müssen oft vollständig selbst bezahlt werden. Der Unterschied war enorm. In diesem Moment war es eine grosse Erleichterung zu wissen, dass der Zahnarztbesuch mein Reisebudget nicht sprengen würde – gerade bei den Schmerzen, die ich hatte.
Häufig gestellte Fragen
Wo liegt der Nara-Park, und wie komme ich hin?
Der Nara-Park liegt in der Stadt Nara und eignet sich gut für einen Tagesausflug ab Osaka (etwa 45 Minuten mit dem Zug) oder Kyoto. Von den Bahnhöfen Kintetsu-Nara oder JR Nara erreichst du die Hirsche und Tōdai-ji nach einem kurzen Spaziergang.
Warum verbeugen sich die Hirsche in Nara?
Die Hirsche in Nara haben gelernt, sich vor Besuchern zu verbeugen, damit sie Shika-Senbei (Hirschkekse) bekommen. Das ist ein erlerntes Verhalten und kein natürlicher Instinkt.
Sind die Hirschkekse (Shika-Senbei) zum Füttern geeignet?
Ja. Shika-Senbei werden speziell für die Hirsche und ohne schädliche Zutaten hergestellt. Der Verkauf trägt dazu bei, den Schutz der Hirsche zu finanzieren.
Sind die Hirsche in Nara wild oder zahm?
Die Hirsche bewegen sich frei und sind wild. Durch den Kontakt mit Besuchern über Generationen hinweg sind sie jedoch zutraulich geworden und fühlen sich in der Nähe von Menschen wohl. Der örtlichen Tradition nach gelten sie als heilig.
Wofür ist der Tōdai-ji-Tempel bekannt?
Im Tōdai-ji steht der Daibutsu, eine riesige Bronzestatue Buddhas, in einem der grössten Holzgebäude der Welt.
Was hat es mit der berühmten Säule im Tōdai-ji auf sich?
In der Halle des Grossen Buddha steht eine Holzsäule mit einem Loch nahe am Fuss. Es soll gleich gross sein wie das Nasenloch des Grossen Buddha. Der Überlieferung nach bringt es Glück, hindurchzukriechen.
Für welches Essen ist Nara bekannt?
Zu den Spezialitäten aus Nara gehören Kakinoha-zushi (Sushi in Persimonenblättern), Bento mit Nara-Rind und frisches Mochi, das du oft noch warm an den Ständen geniessen kannst.
Was ist Kakinoha-zushi?
Kakinoha-zushi ist eine Spezialität aus Nara: Sushi, eingewickelt in Kaki- (Persimonen-)Blätter. Jedes Stück wird gepresst und nimmt dabei eine feine Note des Blattaromas auf.
Was ist die Zeremonie, bei der Hirschen das Geweih abgeschnitten wird?
Shika no tsunokiri ist ein traditioneller Herbstanlass in Nara, bei dem den Hirschen aus Sicherheitsgründen das Geweih gekürzt wird. Befürworter sehen darin ein jahrhundertealtes Kulturerbe, während Tierschutzgruppen hinterfragen, wie sich der Brauch mit modernen Vorstellungen vom Tierwohl vereinbaren lässt.
Eine Reise, die in Erinnerung bleibt
Unser Ausflug in den Nara-Park war eine Mischung aus Lachen, Entdeckungen und ein wenig Unbehagen – und gehört trotzdem zu den unvergesslichsten Erlebnissen, die ich in Japan hatte. Die frei herumlaufenden Hirsche, jahrhundertealte Tempel und regionalen Esskultur bieten einen seltenen Einblick, wie Natur, Spiritualität und lokale Kultur in Nara zusammenkommen. Die Hirsche beim Verbeugen zu beobachten, die eindrückliche Architektur des Tōdai-ji zu erkunden und Spezialitäten wie Kakinoha-zushi zu probieren, half mir zu verstehen, warum diese Region eine so grosse kulturelle Bedeutung hat.
Selbst der weniger glamouröse Teil der Geschichte – eine plötzliche Zahninfektion – hat mich etwas Wertvolles über das Reisen in Japan gelehrt. Die effiziente und erschwingliche zahnärztliche Versorgung, die durch das nationale Krankenversicherungssystem ermöglicht wird, gab mir ein Gefühl der Sicherheit, das ich nicht in jedem Land erlebt habe. So kam eine praktische Erkenntnis zu der Reise hinzu, die ich sonst nicht gewonnen hätte.
Rückblickend machten die Mischung aus lustigen Momenten, kulturellen Entdeckungen und unerwarteten Herausforderungen die Reise auf ihre eigene Art vollkommen. Genau deshalb erkunde ich Japan so gern. Es gibt immer etwas Neues zu lernen – sei es eine lokale Tradition, ein regionales Gericht oder einfach, wie man fern von zu Hause mit Unerwartetem umgeht. Und wer weiss: Bei unserem nächsten Besuch werde vielleicht ich von einem übermotivierten Hirsch gejagt, während meine Freundin diesmal über mich lachen kann.
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