
Wenn du von Sokcho aus eine Wanderung im Seoraksan-Nationalpark planst, lass deine üblichen alpinen Erwartungen am Parkeingang zurück. Viele Reisende, die in Sokcho übernachten, nehmen an, dass die Berge in der Nähe ähnlich gut zu bewältigende Tagestouren bieten wie in der Schweiz, in Nordamerika oder sogar in Teilen Japans. Auf der Karte wirken die Strecken im Seoraksan oft überraschend kurz. Eine Route von 10 km klingt vielleicht nach einem gemütlichen halben Tag in den Bergen. In Wirklichkeit machen die schroffen Granitlandschaften von Gangwon-do selbst aus «kurzen» Wanderungen körperlich fordernde Touren.
Bevor die meisten Besucher überhaupt mit dem Aufstieg beginnen, kommen sie an einem der bekanntesten Wahrzeichen des Parks vorbei: dem riesigen Tongil Daebul (Grossen Einheitsbuddha) beim Tempel Sinheungsa. Am Eingang zum Seoraksan gelegen, bildet die mächtige Bronzestatue einen eindrücklichen Kontrast zu den schroffen Granitgipfeln, die sich hinter ihr auftürmen. Sie wirkt beinahe wie eine Warnung vor dem, was noch kommt. Sobald du tiefer in den Nationalpark vordringst, weicht die friedliche Atmosphäre des Tempels steilen Treppen, exponierten Felsformationen und einem unermüdlichen Aufstieg.
Das überrascht viele ausländische Besucher völlig – besonders Reisende aus Europa, die davon ausgehen, dass die Gehzeiten den auf der Karte angegebenen Distanzen entsprechen. Eine Wanderung, die beim Frühstück in Sokcho machbar erscheint, kann sich tief in den Bergen leicht zu einer ganztägigen körperlichen Herausforderung entwickeln. Einige Routen, insbesondere der legendäre Dinosaur Ridge (Gongryong Ridge), sind dafür bekannt. Die Distanz allein klingt zunächst nicht besonders anspruchsvoll, doch das technisch schwierige Gelände und die ständigen Höhenunterschiede machen daraus einen brutalen alpinen Marathon von mehr als zehn Stunden, den viele Wanderer auf zwei Tage aufteilen.
Wenn du eine Reise durch den Seoraksan planst, ist der wichtigste Rat ganz einfach: Beurteile diese Berge nicht nur nach der Distanz. Starte früh, nimm mehr Wasser mit, als du für nötig hältst, und stell dich auf deutlich mehr Höhenmeter ein, als die Wegweiser vermuten lassen.
Sokcho und Seoraksan auf einen Blick
- Wo: Sokcho, eine Küstenstadt in der Provinz Gangwon und das Tor zum Seoraksan-Nationalpark
- Anreise: Etwa 2,5 Stunden mit dem Expressbus ab Seoul
- Hauptattraktionen: die Granitgipfel des Seoraksan, die Felsen Heundeulbawi und Ulsanbawi sowie eine Seilbahn
- Beste Reisezeit: Herbst (Mitte Oktober bis Anfang November) wegen der Laubfärbung; im Frühling sind weniger Leute unterwegs
- Lokale Spezialitäten: Makguksu-Buchweizennudeln und frische Meeresfrüchte von der Ostküste
- Auch sehenswert: der Grosse Einheitsbuddha, der Fischmarkt von Sokcho und das Abai-Dorf
Wanderkultur: Hobby oder Sport?
Als Schweizer liegt mir das Wandern quasi im Blut, aber oft gehen wir ganz anders an eine Wanderung heran als die Wandernden in Südkorea. In den Schweizer Alpen ist Wandern meist ein Hobby, das zum Lebensstil gehört, und weniger ein Leistungssport. Im Mittelpunkt steht der «Genuss»: die klare Bergluft einatmen, eine halbe Stunde an einem Bergsee sitzen, in einer Berghütte auf einen Kaffee oder eine Rösti einkehren und sich Zeit nehmen, die Landschaft um sich herum wirklich zu geniessen. Der Weg ist genauso wichtig wie der Gipfel.
Beim Wandern im Seoraksan-Nationalpark fiel mir dieser Unterschied besonders auf. Viele koreanische Wandernde gehen mit unglaublicher Intensität und Disziplin an die Berge heran. Du siehst Leute in kompletter professioneller Wanderausrüstung – mit Trekkingstöcken, Kompressionsärmeln und teuren Rucksäcken. Sie haben genug Ausdauer, um bergauf in einem Tempo zu sprinten, das für die meisten Europäerinnen und Europäer ehrlich gesagt fast unwirklich wirkt. Auf steilen Wegen, etwa Richtung Heundeulbawi oder Ulsanbawi, sind Einheimische oft so schnell unterwegs, dass sie an den Aussichtspunkten kaum anhalten, bevor sie weiter bergaufgehen.
Wenn du dich zum ersten Mal über Wanderungen in Korea informierst, kann das tatsächlich etwas einschüchternd wirken. Wenn du es gewohnt bist, in Europa, Kanada oder den USA zu wandern, rechnest du vielleicht mit schönen Pausen, einem gemächlicheren Tempo und leichteren Wanderwegen. Im Seoraksan ist das anders. Viele Routen bestehen vor allem aus endlosen Treppen, steilen Anstiegen und rauem Granitgelände, das dich ständig fordert. Selbst relativ kurze Wanderungen können viel schneller körperlich anstrengend werden, als die Distanz auf der Karte vermuten lässt.
Wir entschieden uns stattdessen für die Schweizer Wanderphilosophie. Anstatt den Berg wie bei einem Wettrennen zu behandeln, hielten wir immer wieder an, um die eindrückliche Landschaft des Taebaek-Gebirges zu bewundern, dem Wind in den Wäldern zu lauschen und die wechselnden Ausblicke auf die Täler unter uns zu geniessen. Während unzählige «Sprinter» an uns vorbeieilten, merkten wir, dass das langsamere Tempo die ganze Wanderung im Seoraksan viel unvergesslicher machte. An einem so schönen Ort fühlt es sich fast so an, als würde man das Wesentliche verpassen, wenn man ständig dem nächsten Gipfel nachjagt.
Die Wanderung: Heundeulbawi-Felsen (3 km)

Aufgrund einiger überraschend zutreffender Google-Rezensionen anderer Schweizer Reisender entschieden wir uns für die 3 km lange Wanderung zum Heundeulbawi-Felsen, einem der bekanntesten anfängerfreundlichen Wege im Seoraksan-Nationalpark. Auf dem Papier klingt die Route fast lächerlich kurz, besonders wenn du das Wandern in den Alpen oder in Nordamerika gewohnt bist. Ein 3 km langer Bergweg lässt normalerweise einen ziemlich gemütlichen Spaziergang mit mässigem Höhengewinn erwarten. Im Seoraksan sagt die Distanz jedoch fast nichts aus, wenn man das Gelände nicht berücksichtigt.
Der wichtigste Tipp für diese Wanderung ist ganz einfach: Unterschätze die Treppen nicht.
Was als angenehmer Waldweg beim Sinheungsa-Tempel beginnt, wird schon bald zu einem unerbittlichen, direkt in den Berghang gehauenen Aufstieg. Grosse Teile der Strecke bestehen fast ausschliesslich aus steilen Metalltreppen und unebenen Steinstufen, die scheinbar endlos nach oben führen. Manchmal fühlt es sich weniger wie Wandern an und mehr, als würde man eine riesige Freilufttreppe zwischen Granitklippen erklimmen.
Je höher du steigst, desto eindrücklicher wird die Landschaft. Riesige Felswände erheben sich rund um den Weg, der Wald öffnet sich langsam unter dir, und die Aussicht auf die Gipfel des Seoraksan wird immer spektakulärer. Der Aufstieg ist anstrengend, doch die Landschaft belohnt dich immer wieder dafür, weiterzugehen.
Überrascht hat uns das Tempo vieler einheimischer Wanderer. Koreanische Wanderer eilen oft mit unglaublicher Geschwindigkeit und Ausdauer die Treppen hinauf, während viele ausländische Besucher regelmässig anhalten müssen, um wieder zu Atem zu kommen. Hier gibt es absolut keinen Grund, sich für Pausen zu schämen. Auch wenn der Heundeulbawi als eine der zugänglicheren Wanderungen im Seoraksan gilt, kann der stetige Höhengewinn trotzdem erschöpfend sein – besonders in den kälteren Monaten, wenn die Bergluft weiterhin scharf und trocken ist.
Wenn du eine Reise nach Sokcho und Seoraksan planst, ist dieser Wanderweg ehrlich gesagt einer der besten Einstiege in die koreanische Bergwanderkultur. Dich erwarten eindrückliche Granitlandschaften, berühmte Aussichtspunkte und gerade genug Anstrengung auf den Treppen, damit sich der Gipfel wirklich verdient anfühlt.
- Der Fels: Heundeulbawi ist ein massiver, 16 Tonnen schwerer, kugelförmiger Felsblock, der auf einem flachen Felsen balanciert. Der Legende nach kann ihn jeder mit einem Schubs bewegen, doch heruntergefallen ist er noch nie.
- Die Steilheit: Der letzte Abschnitt zum Felsen – und noch weiter hinauf zum Ulsanbawi – besteht fast ausschliesslich aus steilen Treppen, die direkt im Granit verankert sind. Das geht ordentlich in die Beine, selbst wenn du die Alpen gewohnt bist.
- Das Wetter im März: Wenn du im März hier bist, solltest du wissen, dass es in höheren Lagen weiterhin eisig kalt ist, auch wenn es sich in der Stadt schon nach Frühling anfühlt. Wegen der Schneeschmelze oder zur Brandverhütung können Wanderwege saisonal gesperrt sein. Informiere dich deshalb vor dem Aufbruch immer über den aktuellen Status des Nationalparks.
Der Grosse Einheitsbuddha (Tongil Daebul)

Bevor du mit dem Aufstieg loslegst, kommst du am Grossen Einheitsbuddha beim Tempel Sinheungsa nicht vorbei. Hier lohnt sich eine kurze Pause, bevor der Aufstieg beginnt.
Der Bronzegigant ist 14,6 Meter (48 Fuss) hoch, wiegt 108 Tonnen und trägt offiziell den Namen Tongil Daebul. Er wurde mit über 300’000 kleinen Spenden errichtet und steht für die Hoffnung des koreanischen Volkes auf die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea. Die Statue ist voller Symbolik: Ihre Stirn ist mit Bernstein und Jade geschmückt, und sie sitzt in der «Erdzeugen»-Geste, die Erleuchtung symbolisiert.
Insider-Info: In der hohlen Bronzestruktur befinden sich drei Stücke von Buddhas sari (heiligen Überresten), die von der Regierung Myanmars gestiftet wurden, sowie das Tripitaka (die ursprünglichen buddhistischen Schriften).
Abend in Sokcho: 까막골막국수 (Kkamakgol Makguksu)
Nachdem du deine Knie stundenlang auf Seoraksans endlosen Treppen strapaziert hast, gibt es ehrlich gesagt nichts Besseres, als für eine richtige Stärkung nach Sokcho zurückzukehren. Viele Touristen suchen zwar sofort nach Fischrestaurants am Hafen, doch eine der befriedigendsten lokalen Spezialitäten nach einer langen Wanderung ist tatsächlich Makguksu, das berühmte kalte Buchweizennudelgericht der Provinz Gangwon.
Auf Empfehlung von Einheimischen und koreanischen Foodblogs landeten wir schliesslich bei 까막골막국수 (Kkamakgol Makguksu), einem bekannten Restaurant, das auf traditionelle Nudeln nach Gangwon-Art spezialisiert ist. Orte wie dieser fangen die Atmosphäre Sokchos perfekt ein: schlicht, ungezwungen und ganz auf das Essen statt auf die Präsentation ausgerichtet.
Was macht Makguksu besonders?
Makguksu unterscheidet sich deutlich von der japanischen Soba, die viele Reisende vielleicht schon kennen. Die Nudeln bestehen aus Buchweizen, sind aber gröber, bissfester und viel rustikaler. Das Gericht wird normalerweise kalt serviert, oft mit Eiswürfeln, die noch in der Brühe schwimmen. Nach einem körperlich anstrengenden Tag im Seoraksan-Nationalpark ist es deshalb unglaublich erfrischend.
Die Kombination aus kalten Nudeln, scharfer Würzung, Essig, Sesamöl und knackigem Gemüse wirkt nach einer Wanderung überraschend stärkend. In vielerlei Hinsicht ist das der perfekte Kontrast zum anspruchsvollen Berggelände rund um Sokcho.
Das Gericht, das du unbedingt probieren solltest: Myeongtae-hoe Makguksu
Für das authentischste Erlebnis vor Ort bestellst du Myeongtae-hoe Makguksu. Diese regionale Variante wird mit gewürztem Pollack zubereitet, einer Spezialität, die eng mit Gangwon-do und der nordöstlichen Küste Koreas verbunden ist.
Der Pollack ist leicht bissfest und wird in einer süss-scharfen Marinade eingelegt, die perfekt mit den kalten Buchweizennudeln harmoniert. Die Aromen sind unglaublich ausgewogen: erfrischend, scharf, leicht säuerlich, nussig und zugleich herzhaft. Dieses Gericht klingt für ausländische Besucherinnen und Besucher zunächst ungewöhnlich, wird aber oft zu einem der kulinarischen Höhepunkte der Reise.
Nach Tausenden von Treppenstufen im Seoraksan fühlen sich die kalten Nudeln fast wie Medizin an.
Sokchos Esskultur – weit mehr als Meeresfrüchte
Viele internationale Besucherinnen und Besucher verbinden Sokcho vor allem mit Meeresfrüchtemärkten und gegrilltem Fisch. Doch die Esskultur der Stadt hat viel mehr zu bieten. Dank der Nähe zu den Bergen entwickelte Sokcho eine einzigartige Küche, die Zutaten von der Küste mit der herzhaften Bergküche verbindet.
Makguksu wurde bei Wanderinnen und Wanderern besonders beliebt, weil das Gericht sättigt, ohne schwer im Magen zu liegen. Nach einem ganzen Tag auf dem Weg zu Orten wie Heundeulbawi oder Ulsanbawi kann fettiges Essen ehrlich gesagt zu viel sein. Die kalten Buchweizennudeln erfrischen dich dagegen und geben dir neue Energie, um danach noch die Stadt zu erkunden.
Wenn du eine Reise nach Sokcho und zum Seoraksan planst, gehört eine Bergwanderung mit einem traditionellen Makguksu-Abendessen fast schon dazu. Solche einfachen Reiseerlebnisse bleiben oft viel stärker in Erinnerung als ein teures Touristenrestaurant.
Häufige Fragen zu Sokcho und Seoraksan
Wo liegt Seoraksan?
Der Seoraksan-Nationalpark liegt in der Provinz Gangwon an der Ostküste Südkoreas, direkt neben der Stadt Sokcho. Er gehört zu den bekanntesten Bergparks Koreas und ist für seine Granitgipfel und die herbstlichen Farben bekannt.
Wie kommst du von Seoul nach Sokcho?
Expressbusse fahren in etwa zweieinhalb Stunden von Seoul nach Sokcho. Von Sokcho aus bringen dich lokale Busse in rund 20 bis 30 Minuten zum Eingang des Seoraksan-Nationalparks.
Ist eine Wanderung im Seoraksan anspruchsvoll?
Hier ist für jedes Niveau etwas dabei. Der kurze Weg in Richtung Heundeulbawi und der Felsen von Ulsanbawi ist beliebt und mittelschwer, während die ganzen Gratwanderungen lang und anstrengend sind. Mit der Seilbahn geniesst du die Aussicht ganz ohne grossen Aufstieg.
Wann ist die beste Reisezeit für Seoraksan?
Am eindrucksvollsten ist die Herbstfärbung etwa von Mitte Oktober bis Anfang November, dann ist es aber auch am vollsten. Im Frühling und Frühsommer ist es ruhiger und trotzdem wunderschön.
Was kann man in Sokcho unternehmen?
Neben dem Seoraksan gibt es in Sokcho einen lebhaften Fisch- und Meeresfrüchtemarkt, den Sokcho Beach, das Abai Village mit seiner handgezogenen Fähre und lokale Spezialitäten wie Makguksu, Buchweizennudeln.
Was ist Makguksu?
Makguksu ist eine Spezialität aus Gangwon: gekühlte Buchweizennudeln, oft mit Gemüse und Ei garniert, manchmal auch mit Myeongtae-hoe, gewürztem Pollack. Das Gericht ist leicht und erfrischend und in Sokcho besonders beliebt.
Wie viele Tage braucht man für Sokcho und den Seoraksan?
Mit einem ganzen Tag schaffst du eine Wanderung im Seoraksan und eine Mahlzeit in Sokcho. Zwei Tage geben dir genug Zeit für den Strand, den Fischmarkt und das Abai Village, ohne dass du dich beeilen musst.
Deine Reise geht über Sokcho hinaus weiter
Sokcho ist zwar der perfekte Ausgangspunkt für die Berge, aber auch der Rest Südkoreas hat viel zu bieten. Ob du die Schönheit der Südküste oder das pulsierende Leben der Hauptstadt suchst – mit diesen Guides planst du deinen nächsten Halt:
- Das grosse Ganze: Beginne mit meinem Südkorea-Insider-Guide und verschaffe dir einen umfassenden Überblick über alle Provinzen.
- Inselabenteuer: Entdecke die Vulkanlandschaften und spektakulären Wanderwege der Insel Jeju.
- Südküste: Entdecke den ruhigen Charme der Insel Namhae und ihre einzigartige Architektur.
- Surfen an der Westküste: Fahr auf die Halbinsel Taean und geniesse bei Mallipo die schönsten Sonnenuntergänge und die lokale Surfszene.
- K-Kultur & Neon: Erlebe die lebhaften Strassen und die riesige Auswahl an Essen in Seoul.
- Jeongdongjin: am Rand der Welt: Wandere auf dem spektakulären Küstenpfad Badabuchae-gil und erlebe am Bahnhof, wo die Gleise auf das Meer treffen, den Sonnenaufgang, der dem Meer weltweit am nächsten ist.
Suchst du nach der besten Route? Sieh dir meine vollständige Südkorea-Zielkarte an und entdecke, wie sich all diese Orte zu deiner perfekten Reiseroute verbinden.
Get My Personal Travel Maps







Leave a Reply